Erzählung eines Angehörigen

Albi ist selber nicht von Angststörungen geplagt, jedoch seine Frau Bigi. Er möchte die Gelegenheit nützen, das Ganze aus seiner Sicht zu schildern:

Meine Frau war seit Jahren krank und wusste selbst noch nicht genau, was sie eigentlich hatte. Sie litt unter den üblichen, heute bekannten Symptomen der Panikattacken, die allesamt wie körperliche Beschwerden aussahen. Kein Arzt konnte jedoch bei ihr eine genaue Diagnose stellen, denn medizinisch war sie nach deren Aussagen völlig gesund.

Sie war sichtlich erschöpft nach so vielen Jahren mit Angst und Panikattacken. Ihren Beruf als Coiffeuse musste sie aufgeben, da immer wieder Termine verschoben oder abgesagt werden mussten. Die Konsequenz war, dass sie ihren eigenen Coiffeursalon aufgeben musste, was automatisch auch zu finanziellen Problemen führte. Nach ihrem Umzug in eine neue Umgebung hat sie auch noch ihren gewohnten «Schutzraum» in der eigenen Wohnung aufgeben müssen, was für sie einen erneuten Tiefschlag bedeutete.

Psychisch hat sie auch sehr unter dem Unverständnis der Verwandten und Bekannten gelitten. Sie wurde durch ihre häufigen Unpässlichkeiten und der daraus resultierenden Absagen als «unzuverlässig» oder «zu faul» hingestellt. Meine Frau musste sich immer neue «Ausreden» und «Begründungen» ausdenken, da ja doch niemand diese Angstzustände nachvollziehen konnte. Sie schämte sich deswegen, fand aber keine andere Möglichkeit sich dem Hohn der Mitmenschen zu entziehen.

In der Folge konnte sie das Haus fast gar nicht mehr verlassen, was ihre Lage nochmals verschlechterte. Meine Menschenkenntnis sagte mir, dass ihr «Verhinderungsverhalten» auf keinen Fall zu ihrem Charakter passen konnte. Ich war mir sicher, dass eine ganz andere Krankheit zu diesen Symptomen führen musste.

Da es zu dieser Zeit noch keine APhS gab, war ich gezwungen, die notwendigen Informationen aus Fachzeitschriften und Büchern zusammen zu suchen. Als ich meine Frau mit der «Wahrheit» über ihre Krankheit konfrontierte und sie über die Konsequenzen informierte, war sie einerseits zufrieden, endlich zu wissen, was sich da abspielte, aber zu einer Verbesserung der Situation hat es nicht geführt.

Konsequenzen für mich

Für uns war es nicht möglich, gemeinsam Verwandte oder Bekannte zu besuchen. Auch das Empfangen von Besuchen war mit grossen Problemen verbunden. An einen gemeinsamen Restaurant- oder Kinobesuch ist auch heute noch nicht zu denken und gemeinsam in die Ferien fahren können wir auch noch nicht.

Die «Behinderung» meiner Frau zeigt sich auch bei vielen alltäglichen Dingen, wie dem Einkaufen, ein Packet auf die Post bringen, einem Behördenbesuch oder Ausfahrten an einem Sonntag.

Einerseits erfordert diese Krankheit sehr viel Verständnis von mir, anderseits werde ich aber auch zu einem gewissen Egoismus gezwungen, der mir erlaubt gewisse Dinge trotzdem, aber alleine zu tun.

Besonders schwerwiegend sind Arzt-, Zahnarzt- oder Therapiebesuche, die wegen dieser Krankheit nicht, oder nur mit sehr grossem Aufwand möglich sind.

Die Wende

Nachdem ich meine Hausärztin bezüglich dieser Krankheit Informiert hatte, wurde es möglich, einen Exklusivtermin ausserhalb der Sprechstunden mit den notwendigen «Sicherheitsmassnahmen für Angstpatienten» (Fluchtmöglichkeit usw.) zu vereinbaren.

Anlässlich dieser Konsultation wurde meiner Frau Deroxat empfohlen. Da sie sehr grosse Angst vor solchen Medikamenten hatte, brauchte es viel Überzeugungskraft meinerseits und auch von der Ärztin, damit sie mit dieser Therapie anfangen konnte.

Nach anfänglich starken Nebenwirkungen hat das Medikament doch grosse Fortschritte bewirkt. Die Einnahme von Deroxat hat dazu geführt, dass sie keine starken Panikattacken mehr bekommt und sich insgesamt ruhiger und wohler fühlt. Sie hat die Kraft und den Mut, wieder in kleinen Schritten und in Begleitung einiges zu unternehmen, wie Einkaufen, Besuche, Spaziergänge usw. Manchmal geht es gut, manchmal auch nicht.

Seit einem Jahr wird meine Frau durch eine Therapeutin unterstützt, die zu uns nach hause kommt. Aber leider bezahlt die Krankenkasse diese Kosten nicht.

Mit dem Beitritt zum APhS haben wir festgestellt, dass es noch viele Menschen gibt, die mit den gleichen Problemen kämpfen wie wir. Das motiviert meine Frau, endlich zu dieser Krankheit zu stehen und sie zu akzeptieren.