Die Seele einfach mal entlasten

Mit dem Entscheid zur Selbständigkeit kamen alle diese Paniksymtome, die ihr ja alle gut kennt. Kein sicheres Geländer mehr, selber jede Verantwortung tragen, der tägliche Kampf einfach zum normalen Monatslohn zu gelangen usw. Und je besser es lief, umso mehr trotzte die Seele mit "Du übernimmst deine Reservern", fahre zurück auf deine eigenen Schritte! Doch die Gedanken rasten, was alles noch zu machen sei, was alles noch versprochen ist. Ich ertappte mich plötzlich in einer Gedankenflut und irgendwann war sie da - die Hyperventilation. Kribbeln im Arm, Stechen in der Brust, mit 170 kmh auf der Autobahn! Ab in die Klinik! Ich kannte dieses Gefühl ja noch nicht!

Die Panik hatte sich unmissverständlich jetzt in meinen Kopf gesetzt. So ist es also, wenn man einen Notfall hat. Nach 4 Stunden wurde ich entlassen, und die nächsten 10 Stunden habe ich durch die Beruhigugnsspritze nur noch geschlafen.

Ich habe nicht allzu lange gezögert und eine Gesprächstherapie gemacht, einen Kurs autogenes Training besucht, mir eine Relax-Zeit mit Wellness eingeplant, bin öfters einfach in die Natur spazieren gegangen...

Es war besser, irgendwas zu unternehmen, als sich einfach herzugeben. Ich musste jetzt viel lernen - über mich, nicht nur über Ängste. NEIN, auch meine Bedüfnisse. Welcher Typ Mensch bin ich? Was brauche ich dass es mir gut geht? Wo fühle ich mich gut und nicht nur in Sicherheit? Die Jahre vergingen. Die Therapie zeigte Wunder, sodass ich nach 2 Jahren mit Tränen in den Augen zusammenbrach. Und ich meine das sehr positiv! Die ganze Familiengeschichte, der Alkohl des Vaters, die deprssive Mutter, die unausgesprochenen Schuldgefühle - alles strömte aus mir heraus. Ich, ein selbstbeherschter Mann, konnte das Überströmen der Gefühle nicht mehr kontrollieren! Und es heilte! Es heilte dermassen, dass ich nach Hause ging mit einer Schulter, der man 50kg weggeblasen hat.

Ich hielt inne an einem Zeitungsstand, sah den Leuten beim Parkieren zu und fühlte mich erlöst, frei, unabhängig, entspannt. Alles zur selben Zeit.

Ja, es gab wieder panische Reaktionen später. Nicht mehr in diesem Ausmaase, aber der Job, der Tag wurde wieder lebenswerter. Ich kaufte mir ein Haus und konnte ohne tiefes Durchatmen einfach diese Hypothek aufnehmen, denn ich wusste dass es richtig war.

Bei vielen Auf und Ab's im Job und der Angst entschied ich mich, einfach loszugehen, eine Reise durch Südamerika zu machen. Ich hatte Angst vor dem Fliegen, hatte Betablocker in der Tasche bereit, aber ironischerweise hatte ich alle Last am letzten Tag in der Schweiz abgeladen. Ich habe in einer ruhigen Art alle meine Sachen gepackt, habe mich an der Abendsonne nur noch die Geschichte der Inkas hineingelesen und wusste: jetzt mach ich es! Selbst wenn der Flieger abstürzen sollte...

Der Tod soll jetzt kommen!

Und es war das Beste meines Lebens!

Während 2 Monaten durch Peru, Bolivien über die Anden; Etwas unvorstellbares war eingetroffen: Ich hatte zuletzt 18kg Gepäck auf meinem Rücken und war während Wochen über 4000m. Mein Herz raste weit über 100 Pulse jede Minute, auch nachts. Aber ich fühlte mich frei. Sorgenfrei. "Normale" Leute hatten bereits Kreislauf-Probleme, zuwenig Sauerstoff beim Wandern, falsche Atmung. Aber mir ging es einfach gut. Ich sah den Macchu Picchu vor mir in Abendsonne und dachte mir: das hättest du beinahe der Angst geopfert!

Ich hatte eine ganz wichtige Erkenntnis gefunden: mein Körper mein Herz macht mit! Was ich auch mache, er bringt diese Kraft, diese Ausdauer mit, ohne zu versagen, ohne Attacke! Einfach nur mit Pumpen, Pumpen...

Als ich zuhause ankam, war ich erschlagen vom Materialsmus bei uns. Ich hatte viel Armut gesehen, Hunger, und ich hatte eine innere, wohltuende, reinigende Ruhe gefunden. Eine Gelassenheit, die man mir ansah, auf die man mir Komplimente machte. Noch heute zehre ich von diesen guten Gedanken. Sie sind meine Vorstellung in kritischen Minuten, sind meine Freude wenn es mir mal schlechter geht.

Fast 1-2 Jahre sind in guter Phase vergangen, doch jetzt meldet sich der Körper wieder. Er möchte noch etwas mehr verarbeiten. Ich habe die Therapie bewusst wieder angefangen. Und bereits nach dem 2ten Termin kamen die Tränen. Wieder Familienkonstrukte. Die letzten 2 Tage waren wie ein Rückfall, oder besser, der Körper ist noch nicht zufrieden, und die Therapie hat etwas neues ausgelöst vielleicht. Ich weiss jetzt aber, dass es möglich ist, sich frei zu fühlen. Und dieser Tag wird kommen.

Ich wünsche jedem mindestens einmal, ein solches freies Gefühl zu empfinden.