Mit 15 erlebte Fränzi ihre erste Panikattacke - und das auf offener Strasse. Doch erst zwei Jahrzehnte später erfährt Fränzi, dass sie an einer Erkrankung leidet, für die es einen Namen gibt: eine Angsterkrankung. Fränzi erzählt weiter:
Plötzlich war sie wieder da, diese Angst. Mir war speiübel, mein Herz raste, ich schwitzte. "Nur weg von hier, raus aus dem Laden", war mein einziger Gedanke. Die Angst hielt mich völlig gefangen, liess keinen Platz mehr für andere Gedanken. Mir war, als hätte ich keinen Einfluss mehr auf meine Körperfunktionen und das, was um mich herum geschah - ein unerträgliches Gefühl.
Mit der Zeit gab es nichts mehr, was mir keine Angst einflösste. Ich hatte ebenso Angst, einen Laden zu betreten, wie Angst vor Familientreffen und grossen Menschenansammlungen. Vor Arzt-, Restaurant- und Theaterbesuchen. Vor Tram- und Busfahrten. Vor dem Aufstehen am Morgen. Sicher fühlte ich mich letztendlich nur noch in der eigenen Wohnung.
Völlig isoliert und vom Leben ausgeschlossen wurde ich schwer depressiv. Bagatellen wurden zu unlösbaren Problemen: "Wie schaffe ich es bloss, morgens aufzustehen und die Geschirrspülmaschine auszuräumen?" fragte ich mich täglich von Neuem.
Meine Angst, aus heiterem Himmel eine Panikattacke zu erleiden, wurde ständig grösser. Fachleute sprechen vom Teufelskreis der Angst vor der Angst. Besonders schlimm auszuhalten waren für mich Situationen, die scheinbar keine Fluchtmöglichkeit boten. Dazu gehörten Zahnarztbesuche und Familientreffen. Ich hielt es im Restaurant kaum aus. Dennoch hätte ich mich nicht getraut, einfach aufzustehen und rauszugehen. So etwas gehörte sich nicht. Dabei fühlte ich mich wie in einem Gefängnis.
Als die Panikattacken an Häufigkeit und Intensität zunahmen, begann ich, mir die Haut aufzukratzen und ich verletzte mich manchmal mit einem Messer. Ein Versuch, den inneren Schmerz nach aussen zu tragen. Wenn es richtig weh tat und blutete und der körperliche Schmerz grösser war als der seelische, dann ging die Attacke vorüber. Nach einer Attacke fühlte ich mich erschöpft, wie nach einem Marathon.
Unter Angstzuständen hatte ich schon als Kind gelitten. Doch erst seit zwei Jahren kenn ich den Namen für meine Krankheit. Nachdem ich zwanzig Jahre lang nicht wusste, was mit mir los war, war dies eine ungeheure Erleichterung für mich. Ich dachte schon, dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe.
Dank Medikamenten sind meine Ängste schliesslich zurück gegangen. Ich fühle mich stärker und habe es endlich geschafft, die destruktive Beziehung zu meinem damaligen Ehemann zu beenden. Vor anderthalb Jahren habe ich einen neuen Partner gefunden, auf den ich voll zählen kann, und der für meine Angsterkrankung viel Verständnis aufbringt.
Als beflügelnd erlebe ich auch den Chat und das Forum von APhS. Endlich habe ich dort Menschen gefunden, die "meine Sprache sprechen", die mich verstehen.
Heute habe ich den Mut, auch mal nein zu sagen, wenn ich spüre, dass ich etwas noch nicht schaffe. Die Fortschritte, die ich in den letzten zwei Jahren gemacht habe, sind gewaltig. Mein grösster Traum ist: Einen mit Terminen vollgestopften Tag ganz locker anzugehen.