Wellness-Wochenende mit Nachwehen

Pfingsten steht vor der Türe. Drei Tage, an denen nicht gearbeitet werden darf. Die Wetterprognosen versprechen traumhafte Bedingungen. Genug Grund für meinen Partner, mit meiner Konfrontationstherapie wieder einmal einen Schritt vorwärts zu tun. "Wie wär's denn mit ein bisschen Wellness?" lautet sein Angebot.

Na ja, wieso eigentlich nicht. Solange ich nicht alleine dorthin gehen muss!

Gesagt, getan; Gebucht wurde in einem wunderschönen Wellness-Hotel am Vierwaldstädtersee. Die Vorfreude ist enorm: Fühle ich mich wohl im gebuchten Zimmer? Kann ich mit den anderen Gästen zusammen im Speisesaal essen? Wird es mir möglich sein, das Wellness-Angebot überhaupt zu nutzen?

Der unvermeidliche Zeitpunkt der Abfahrt ist gekommen. Erster Stresspunkt für mich ist, dass wir wegen einer Kleinigkeit erst 3 Stunden später als geplant abfahren können. Was soll's, jetzt nur ruhig bleiben und sich nicht unnötig darüber aufregen, denke ich mir.

Entspannt, mich an die Strassenkarte klammernd, nehmen wir die Fahrt in Angriff. Schon bald einmal merke ich, dass wir eigentlich total falsch gefahren sind. Eine scheue Bemerkung meinerseits lässt die Temperatur im Auto ganz leicht ansteigen, ebenso mein Adrenalinspiegel.

Doch ein routinierter Angst- und Panikangehöriger lässt sich wegen einer solchen Kleinigkeit nicht aus dem Konzept bringen. "Kein Problem Schatz, ich habe alles im Griff" lauten die beruhigenden Worte meines Partners.

Nach fast zwei Stunden (der Routenplaner rechnet knapp eine Stunde) sind wir am Ziel angekommen. OK, die Aufregung hat sich erstmal gelohnt, denke ich mir als wir vor dem tollen Hotel stehen.

In unserem Zimmer angekommen, sind alle Reisestrapazen vergessen. Gross, in Pastell gehalten, nach Feng Shui eingerichtet mit einem Balkon und Seeblick.

Ja, jetzt bin ich da und will nur noch geniessen! "Gehen wir gleich ins Sprudelbad?" frage ich meinen durch die Fahrt etwas abgekämpften Partner. "Klar, wenn du nicht zu müde bist. Aber vielleicht möchtest du dich zuerst ein wenig hinlegen?" meint er. "Null Problemo" beteuere ich selbstsicher.

Kurz darauf entspannen wir uns im Whirlpool, ich natürlich immer mit der Türe "Ausgang" im Blickwinkel. Könnte ja sein... Nach dem Sprudeln versuche ich mich noch im Dampfbaden. Ein kleiner Raum, aufgeheizt auf ich weiss nicht wie viel Grad, aufgefüllt mit nach Eukalyptus-Geschwängertem Dampf lädt zum ruhigen Sitzen ein. "Bitte nicht länger als 15 Minuten Dampfbaden" steht auf dem Schild an der Türe. 15 Minuten...

Schon nach zwei Minuten suche ich panikerfüllt das Weite, sprich die Terrasse auf dem Dach des Hotels. Tief durchatmen und versuchen, mein Herzschlag wieder in geordnete Bahnen zu leiten. So lautet meine Devise. Was soll's, ein Versuch war es wert. Das nächste Mal geht's vielleicht schon drei Minuten…

Komplett erledigt kehren wir nach einer Stunde wieder ins Zimmer zurück. Jetzt musste ich mich wirklich ein wenig hinlegen.

Um 18.30 ist Nachtessen angesagt. Gestärkt und mutig betrete ich den Speisesaal. Täusche ich mich oder starren ca. 50 Augenpaare nur auf uns. Ob mir wohl meine Krankheit auf die Stirn geschrieben steht?

Glücklicherweise lässt der erste Gang (eine kalte Kartoffelsuppe) nicht lange auf sich warten. Hungrig mache ich mich über sie her. Nach dem ersten Löffel jedoch die Ernüchterung. Die Suppe "fühlt" sich an, als wenn der Koch das Pulver einer Päcklisuppe und kaltes Wasser miteinander gemixt hat. Pfui Teufel!

Aus lauter Angst, ich sei die Einzige, die das Gemisch nicht essen kann, tauche ich tapfer drei mal meinen Löffel in das Gebräu und versuche dabei, meine Geschmacksnerven auf unempfindlich zu stellen. Es kommt so, wie es kommen muss. Als der Kellner die Teller abräumt, schaut er mich ganz erstaunt an und fragt: "Hat ihnen denn die Suppe nicht geschmeckt!" "Ich mag Suppen im Allgemeinen nicht so sehr", lautet meine zaghafte Antwort (ich liebe Suppen aller Art, aber warm müssen sie schon sein).

Eigentlich wäre ich am liebsten im Boden versunken, doch dazu bleibt keine Zeit, denn der Kellner bringt bereits den nächsten Gang: Pouletschnitzel, Safrannudeln, Erbsli und Rübeli. "Schmeckt es dir?" erkundigt sich mein Partner. "Klar doch, einfach wunderbar" antworte ich selbstsicher. Mit viel Würgen und vielem Nachspülen mit Wasser überwinde ich die Barriere in meinem Hals und meinem Magen (wie schön wär's jetzt im Zimmer oben; ein Sandwich würde doch genügen).

Als der Kellner mit der Nachspeise kommt (jetzt kann ich dann bald diesen Saal verlassen), wird mir etwas wohler. Natürlich kann er es nicht unterlassen, mich noch speziell darauf aufmerksam zu machen, dass das Dessert aber auch kalt sei und er hoffe, dass ich es trotzdem essen könne.

Nach dem Abendessen habe ich ein enormes Verlangen, mich an der frischen Luft unter freiem Himmel zu bewegen. Wir packen uns ein Fahrrad und fahren ein wenig den See entlang. Oh, tut das gut! Ich fühle mich wie im 7. Himmel (bin schon seit Jahren nicht mehr Velo gefahren).

Gestärkt und ruhig (Sport vertreibt ja bekanntlich Ängste und Depressionen) will ich mir noch eine Alphamassage zumuten. Da liegt man so in eine Art Solarium (Kopf bleibt draussen). Der Deckel kann jederzeit geöffnet werden. Dann heizt sich diese Maschine auf 41 Grad auf und beginnt eine halbe Stunde zu vibrieren und leicht zu schaukeln.

Nachdem ich die Temperatur auf 37 Grad runtergeschraubt habe, kann es losgehen. Tapfer halte ich die 30 Minuten durch, da ich ja weiss, dass dieser schwere Deckel jederzeit geöffnet werden kann. Aber ehrlich gesagt, ich bin froh, als ich mich endlich wieder "frei bewegen" kann.

Irgendwie fühle ich mich ziemlich wacklig auf den Beinen und begebe mich ziemlich früh ins Bett. Das Vibrieren dieser Maschine spüre ich bis in die frühen Morgenstunden in meinem Körper. Da nützt nicht einmal der heisse Rotbuschtee, den mir mein Partner zubereitet.

Nach zwei Stunden Schlaf erwache ich bereits um 7.00 Uhr. Das ganze Zimmer dreht sich im Kreis. Der Orientierungssinn ist weg. Ich schaffe es nicht, aufzustehen. So geht das bis in die Mittagsstunden. Mein Partner gibt mir eine Beruhigungstablette, packt alles innerhalb von fünf Minuten ein und wir verlassen das Hotel fluchtartig.

Wieder zu Hause, fühle ich mich komplett "auf dem Hund" und ausgelaugt. Wie anstrengend doch so ein Wellness-Wochenende sein kann. Vielleicht sollte ich mich das nächste Mal etwas zurück halten mit gesunden Massagen und sonstiger körperlicher Betätigung. Schliesslich bin ich es ja nicht gewohnt.

Na ja, mal abgesehen davon, dass wir statt zwei nur eine Nacht geblieben sind, das Essen etwas gar kalt war und ich noch zwei weitere Wochen unter diesem furchtbaren Schwindel gelitten habe, war es ja ganz toll.

Eigentlich kann ich zufrieden sein, denn immerhin habe ich 24 Stunden durchgehalten. Das ist Konfrontationstherapie! Wichtig ist, dass ich bald wieder ein ähnliches Wochenende buchen sollte. Irgendwann werde auch ich es geniessen können.

Frani