Aus früheren Studien ist bekannt, dass bei Angstreaktionen das körpereigene Hormon Cortisol vermehrt ausgeschüttet wird. In welcher Weise Cortisol aber auf das Angsterleben einwirkt, war bis heute unklar. Leila Soravia von der Universität Zürich hat nun in einer Studie mit 60 Probanden den Einfluss von Cortisol auf das Angsterleben untersucht. Teils litten die Probanden unter einer Spinnenphobie, teils unter einer Sozialphobie. Die Untersuchungen zeigten, dass schon geringe Mengen des Glucocortikoidhormons Cortisol oder des verwandten Cortisons das Angsterleben in entsprechend angstauslösenden Situationen scheinbar herabsetzen kann. Die Untersuchungen sprechen ausserdem dafür, dass bei erhöhten Cortisolspiegeln der Abruf von beängstigenden Erinnerungen aus dem «Angstgedächtnis» gehemmt ist. Damit scheint Cortisol einen Einfluss darauf zu haben, welche Erinnerungen in angstauslösenden Situationen abgerufen werden. Cortisol könnte demnach die sog. stimulusinduzierte oder phobische Angst effizient reduzieren. Man erhofft sich dadurch neben dem möglichen Einsatz von Cortisol als Medikament bei Phobien auch eine unterstützende Wirkung für wirksame Therapieformen wie die Verhaltenstherapie. Diese Ergebnisse wurden kürzlich im Online-Wissenschaftsjournal «Proceedings of the National Academy of Sciences» veröffentlicht.
Angstpatienten erleben unnatürliche und unbegründet starke Angst in Erwartung oder bei Aussetzung einer bestimmten Situation oder eines bestimmten Objektes. Sobald sie in eine angstauslösende Situation kommen, werden unbewusst Erinnerungen aus dem «Angstgedächtnis» abgerufen, welche einen Teufelskreis in Gang setzten. Angstpatienten bewerten derartige Situationen als sehr unangenehm und konstruieren darüber hinaus sehr negative Erinnerungsbilder an solche Situationen, was zu einer starken Erwartungsangst führen kann. Diese als echte Erinnerung empfundenen Erinnerungsbilder sind verknüpft mit den äusserst angstbesetzten Erinnerungen an früher erlebte Angstsituationen. Kommen die Patienten dann erneut in eine entsprechende Situation verstärken die auftretenden negativen Erinnerungen die Angstreaktion zusätzlich und treiben so den Teufelskreis voran.
Leila Soravia und ihr Team konfrontierten die Testpersonen jeweils mit den Situationen, vor denen sie sich am meisten fürchten. Die Patienten mit einer sozialen Phobie mussten einen unvorbereiteten Vortrag vor Publikum halten und eine Kopfrechnung lösen. Den Patienten mit einer Spinnenphobie wurde als Stimulus ein realistisches Bild einer Spinne gezeigt. 1 h vor dieser Exposition verabreichten die Studienleiter den Testpersonen entweder ein Placebo oder Cortisol bzw. das verwandte Cortison. Die Auswertung der Untersuchung zeigt deutlich, dass die Probanden, welche Cortisol bzw. Cortison erhalten hatten, messbar weniger Angstgefühle verspürten als diejenigen in der Placebo-Vergleichsgruppe. Diese Reduktion der Angstgefühle konnte bei den Sozialphobikern wie auch bei den Spinnenphobikern, gleichermassen festgestellt werden. Spinnenphobiker welche wiederholt Cortisol einnahmen und in regelmässigen Abständen dem angstauslösenden Bild ausgesetzt wurden, zeigten ausserdem eine fortschreitende Reduktion der Angstgefühle. Die Angstreduktion blieb auch nach Abbruch der Cortisolbehandlung noch einige Zeit erhalten.
Die Untersuchungsergebnisse lassen den Schluss zu, dass der Anstieg des Cortisolspiegels bei einer Angstreaktion offenbar eine Schutz- oder Abwehrreaktion des Körpers ist, um eine Eskalation der Angst in eine Panikreaktion zu verhindern. Die Verabreichung von Cortisol oder Cortison (welches im Körper zu Cortisol metabolisiert wird) scheint gezielt Angstgefühle bei spezifischen, stimulusinduzierten Angststörungen zu dämpfen. Auf Basis dieser Erkenntnisse hoffen Leila Soravia und ihr Team nun eine gezielte Therapie zur Behandlung dieser Form von Angststörungen zu entwickeln. Durch die Reduktion des Abrufes von traumatischen Erinnerungen könnte diese Therapie zudem in der Therapie von posttraumatischen Belastungsstörungen wirksam sein. Die Cortisolbehandlung könnte ausserdem in Kombination mit kognitiver Verhaltenstherapie und Expositionsübungen dazu beitragen, dass Angstgefühle effektiv vermindert und eine phobische Reaktion somit unterdrückt wird.