Erhöhte Aufmerksamkeit bei komplizierten Geburten

Untersuchungen von Dr. Stephen Joseph, Dozent an der University of Warwick zufolge, könnten schwere Geburten das Risiko für die Entwicklung einer posttraumatische Belastungsstörung erhöhen. Posttraumatische Belastungsstörungen sind ernste Störungen, die nach realen schwerwiegenden traumatischen Erlebnissen (z.B. Kriegserfahrung, Überfall, Vergewaltigung, Inzest, Naturkatastrophen, etc.) auftreten können und unteren anderem mit Angstzuständen und Depression assoziiert sind.

Obwohl sich Ärzte und medizinisches Personal sich der Tatsache der postnatalen (nachgeburtlichen) Depression zunehmend bewusst ist, werden posttraumatische Belastungsstörungen nach schweren Geburten nur selten korrekt diagnostiziert. Dies unter anderem aufgrund des Umstandes, dass sich die Symptome der postnatalen Depression und der posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10, F43.1) sehr ähneln.

Die Unterschiede seien jedoch für eine angemessene Therapie relevant und Mütter mit einer posttraumatischen Belastungsstörung bleiben oft unerkannt, weil sie auf diese Komplikation hin nicht in geeigneter Weise von den Ärzten untersucht werden.

Posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln sich nach dem Erlebnis massiver Angst- oder Bedrohungssituationen. Studien lassen vermuten, dass etwa 2-5% aller Frauen, die eine komplizierte oder traumatische Geburt erlebt haben, eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln werden. Noch viel grösser sei die Anzahl der Mütter, die als Reaktion auf eine solche Situation zwar quälende Gedanken und Alpträume haben, aber nicht die vollständigen Symptome des Syndroms zeigen.

Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden an den immer wiederkehrenden schmerzhaften inneren Bildern des Auslösers, an wiederkehrenden, beängstigenden Alpträumen. Sie haben oft auch Schlafstörungen, sind gereizt, schreckhaft, tendieren zu Wutausbrüchen, sind andauernd in einer erhöhten psychischen Erregung und i.d.R. unfähig, sich zu entspannen. Ähnlich wie bei Angststörungen werden Umstände, die der Belastung ähneln oder mit ihr in Zusammenhang stehen, vermieden.

Dr. Stephen Joseph’s Studie weist darauf hin, dass z.B. die Vermeidung von jeglicher sexueller Aktivität oder auch sog. „birth-flashbacks“, die panische Angst vor weiteren Geburten sowie Erziehungsprobleme typische Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung nach einer komplizierten Geburt seien.

Es sei schon länger bekannt, dass junge Mütter psychische Beschwerden entwickeln können, sagte Joseph, und seine Studie zeige, dass einige unter ihnen an der posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Bindungsängste und erhöhte Ängstlichkeit im Umgang mit dem Baby als typische Symptome der Störung könnten einen nachteiligen oder schädlichen Einfluss auf die Mutter-Kind Beziehung haben und möglicherweise später auch das Verhalten des heranwachsenden Kindes beeinflussen.

Gemäss Dr. Joseph’s Studie sei bei Kaiserschnittgeburten oder anderen instrumentellen Eingriffen das Risiko zur Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung erhöht. Frauen, die sich während der Schwangerschaft durch ihre Partner oder das medizinische Personal weniger unterstützt fühlten oder weniger gut über die möglichen Folgen bzw. das Vorgehen bei der Geburt informiert wurden, scheinen ebenso ein erhöhtes Risiko zu besitzen.

Es sei dringend nötig, dass neben der Depression auch die "Geburtskomplikation" posttraumatische Belastungsstörung, allen betroffenen Ärzten und anderem medizinischen Personal bekannt gemacht wird, so dass spezifisch auf diese Störung hin untersucht werden kann und künftig standardisierte Diagnoseverfahren zur Verfügung stehen werden. Betroffene Mütter würden auf diese Weise von besseren Behandlungsmöglichkeiten profitieren. Es sei auch denkbar, dass gefährdete Frauen bereits in der Schwangerschaft erkannt und informiert werden und prophylaktisch unterstützt werden könnten.