Fluvoxamin bei kindlichen Angststörungen

Angststörungen in der Kindheit erhöhen das Risiko, als Erwachsener an Depressionen oder Ängsten zu erkranken und sollten deshalb gemäss einer umfassenden Studie einer amerikanischen Ärztegruppe unbedingt therapiert werden. Ein möglicher pharmakotherapeutischer Weg mit deutlicher Besserung der Symptomatik besteht in der Gabe des bekannten und sicheren SSRI Fluvoxamin (Floxyfral®), was das Ergebnis der randomisierten plazebokontrollierten Doppelblindstudie mit 128 Kindern ergab.

Angststörungen wie soziale Phobien, generalisierte Ängste und Trennungsängste gehören zu den häufigsten psychiatrischen Krankheiten im Kindesalter. Schätzungen zufolge leiden ca. 13% aller 9 bis 17-jährigen an einer Angsterkrankung. Bisher wird aber in den seltensten Fällen eine solche Angsterkrankung überhaupt erkannt und therapiert. Viele Kinder überwinden diese Störung deshalb nur unter Schwierigkeiten.

Dr. Daniel Pine, Leiter der Abteilung Affective Neuroscience beim NIMH (National Institute of Mental Health, USA), erklärt in einem Interview mit der Psychiatric Times, dass ein Grossteil der Angsterkrankungen und Depressionen bei Erwachsenen durch unbehandelte, weil oft auch unerkannte Angststörungen im Kindesalter verursacht werden. Kinder, die wiederholt längere Angststörungen erleiden, werden auch später im Erwachsenenalter vermehrt Angsterkrankungen oder andere Befindlichkeitsstörungen wie Depressionen aufweisen. In einer aktuellen Studie zeigt Pine, dass die Wahrscheinlichkeit einer späteren Angsterkrankung bis zu dreimal grösser ist.

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des NIMH hoffen, dass das bessere Verständnis und bessere Behandlungsmöglichkeiten von Angsterkrankungen im Kindesalter nicht nur das Leid der Kinder lindern, sondern dass in bedeutendem Umfang vorbeugend auf ernsthafte Angsterkrankungen im Erwachsenenalter Einfluss genommen werden kann.

Folgen von Angsterkrankungen im Kindesalter

In jüngster Zeit mehren sich die Hinweise, dass unbehandelte Angsterkrankungen im Kindesalter weitreichende Folgen haben können. Diskutiert werden u.a. :

Aus diesem Grund neigt man heute dazu, kindliche Angsterkrankungen zu behandeln, wobei allerdings bislang kaum Studien über die medikamentöse Therapie vorliegen. Nachdem sich gezeigt hat, dass selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) bei kindlichen Depressionen und Zwangserkrankungen erfolgreich und sicher eingesetzt werden können, untersuchte die pädiatrische Arbeitsgruppe die Wirkung von Fluvoxamin im Speziellen bei Kindern mit Angsterkrankungen. Neu daran ist, dass die SSRI's bei Kindern bislang nur sehr unvollständig auf ihre Eignung zur pharmakotherapeutischen Angstbehandlung geprüft wurden, während sie sich bei Erwachsenen bereits in breiter Anwendung für diese Indikation befinden.

Das Fluvoxamin scheint wirklich vielversprechend zu sein. Für die 1,7 Mio. Dollar teure Studie wurden insgesamt 128 Kinder im Alter von 6-17 Jahren ausgewählt, die an einer sozialen Phobie, krankhaften Trennungsängsten oder generalisierten Ängsten litten. Eine dreiwöchige psychologische Behandlung zeigte zudem bei keinem dieser Kinder einen Erfolg. Die Kinder erhielten randomisiert während 8 Wochen Fluvoxamin (max. 300 mg/Tag) oder ein Placebo. Zur Beurteilung der Krankheit wurden hauptsächlich zwei psychiatrische Mess-Skalen verwendet, die PARS (Pedriatic Anxiety Rating Scale) 0-25 Punkte und die CGI Scale (Clinical Global Impressions-Improvement Scale).

Die zweimonatige Therapie mit Fluvoxamin zeigte einen deutlichen Erfolg. Bei den Kindern die Fluvoxamin bekamen, sank das Ausmass der Angst um 9.7 Punkte (PARS) gegenüber 3.1 Punkten bei der Vergleichsgruppe ohne Fluvoxaminmedikation. Die Beurteilung der Studie nach CGI ergab, dass gar 76% der Kinder auf die Therapie ansprachen. In der Vergleichsgruppe ohne Medikation waren es lediglich 29%. Ergänzend zu erwähnen ist, dass nur fünf Kinder die Therapie aufgrund unerwünschter Nebenwirkungen abgebrochen haben (meistens gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit und Magen-, Darmschmerzen und ein leichter Anstieg der motorischen Aktivität). In der Placebogruppe war es nur ein Kind.

Dr. Daniel Pine, Autor dieser Studie, erklärte zur Signifikanz der Untersuchung, dass der positive Effekt von Fluvoxamin "dramatisch" sei und noch eindrucksvoller sei es, dass alle fünf Studien-Standorte übereinstimmende Resultate zeigten.

Psychopharmaka bei Kindern?

Anhand dieser Studie konnte der Nutzen eines Psychopharmakons bei kindlichen Angsterkrankungen deutlich gezeigt werden. Da Angsterkrankungen bei Kindern relativ häufig sind, stellt sich natürlich die Frage ob es sinnvoll ist, alle Jugendlichen mit Angsterkrankungen einer Psychopharmakatherapie zu unterziehen. Wahrscheinlich nicht, da neben der medikamentösen Therapie noch weitere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Fundierte Untersuchungen zeigen, dass psychologische Interventionen wie Angstmanagement, Entspannungstraining oder kognitive Verhaltenstherapie auch bei Kindern wirksam sind.

Die Überlegenheit der Pharmakotherapie mit SSRI gegenüber psychologischen Methoden wurde bisher bei Kindern nicht untersucht. Dem ungeachtet liegt vermutlich das Ideal für eine effiziente Angstbehandlung in der Anwendung beider Therapiemethoden. Beide Optionen sind nämlich vielversprechend und es erscheint sinnvoll, mit der psychologischen Therapie zu beginnen und erst bei deren Nichtansprechen, diese mit SSRI zu ergänzen bzw. auf eine Therapie mit SSRI zu wechseln. Laut Steven E. Hyman, Direktor des NIMH braucht es noch etliche umfangreiche Studien, bevor die wirksamste Therapieform bei Angsterkrankungen lanciert werden kann.