Soziale Ängste könnten angeboren sein

Schüchternheit in der frühen Kindheit ist ein Risikofaktor für die Entwicklung von Angststörungen im späteren Kindesalter oder im Erwachsenenalter.

Eine Studie des Psychologen Carl E. Schwartz und seiner Kollegen von der Harvard Universität zeigt nun erstmals, dass schüchterne Kinder später als Erwachsene eine verstärkte Aktivität in einem Angstzentrum des Hirns aufweisen. Schüchternheit ist eine Eigenheit des menschlichen Charakters, die ihn nach heutiger Erkenntnis der Psychologen durch sein ganzes Leben begleiten kann. Die Nachuntersuchung von Kindern, die als Zweijährige schon zurückhaltend und gehemmt reagiert hatten, zeigte in der Folge-Studie, dass die Testpersonen auch in einem Alter von etwa 21 Jahren noch ein gehemmtes und schüchternes Verhalten zeigen. Zudem wurde bei einigen Studienteilnehmern eine soziale Phobie diagnostiziert.

Entscheidung in frühester Kindheit

Position der Madelkerne im Gehirn

Laut Carl E. Schwartz entscheidet es sich oft schon in frühester Kindheit, ob ein erwachsener Mensch gegenüber anderen Personen oder unbekannten Situationen mit übersteigerter Angst reagiert.

Die amerikanischen Forscher haben mit einem modernen bildgebenden Verfahren die Hirnaktivität von Erwachsenen beobachtet, die bereits vor etwa 20 Jahren als Kleinkinder vom Psychologen Jerome Kagan auf soziale Ängste hin untersucht und in die zwei Gruppen "gehemmt" oder "nicht gehemmt" eingeteilt worden waren. Nach Meinung der Wissenschaftler ist die ausschlaggebende Ursache für die zwei unterschiedlichen Temperamente hauptsächlich in der Aktivität einer als Mandelkern (Amygdala) bezeichneten Hirnregion begründet. Diese kleine, mandelförmige Hirnstruktur wird einerseits mit Angstgefühlen, andererseits mit Abenteuerlust und Mut in Verbindung gebracht. Die Testpersonen die bereits als Kinder als "gehemmt" eingestuft wurden, zeigten nun auch bei der aktuellen Untersuchung als Erwachsene noch eine erhöhte Aktivität in der Amygdala.

Anzeichen einer sozialen Phobie

Einige Studienteilnehmer zeigten bei der Untersuchung Anzeichen des Symptomkomplexes einer sozialen Phobie. Bei einigen Probanden wurde die Störung sogar eindeutig diagnostiziert.

Der ganze Versuch bestand darin, den Probanden bekannte und unbekannte Gesichter zu präsentieren und dabei die Hirnaktivität mittels eines Kernspintomographen (fMRI) aufzuzeichnen. Der Hintergrund dieses relativ simplen Experimentes ist eine entwicklungsgeschichtlich wichtige Überlebensstrategie unserer Vorfahren. Die ausgelöste Furcht- oder Schreckreaktion beim Anblick von fremden Gesichtern - z.B. von Menschen eines feindlichen Stammes - führte bei unseren Vorfahren zu einem überlebensnotwendigen Fluchtreflex. Ein Überbleibsel dieser unbewussten Instinktreaktion scheint dem modernen Menschen wohl erhalten geblieben zu sein. Sozial gehemmte, schüchterne Menschen reagieren scheinbar in der Regel viel empfindlicher, sprich mit einer höheren Aktivität der Amygdala und damit einer ausgeprägteren Angstreaktion, als nicht gehemmte Menschen.

In der aktuellen Studie von Carl E. Schwartz zeigten sich nun tatsächlich signifikant abweichende Hirnaktivitäten in der Amygdala. Bei den als "nicht gehemmt" eingestuften Probanden, die schon als Kinder keine übermässige Angstreaktion zeigten, blieb die Amygdala-Aktivität bei der Präsentation der Gesichter im Normalbereich. Die Probanden der "gehemmten" Gruppe, die schon als Kinder schüchtern waren, zeigten eine deutlich höhere Aktivität im Mandelkern.

Ergebnisse der Studie von Carl E. Schwartz

Beschreibung

A Reihenfolge der Präsentation von bekannten (B) und unbekannten Gesichtern (N) während der Untersuchung. Die Untersuchung bestand aus 2 Phasen: einer Angewöhnungsphase, in der sich die Probanden an die Gesichter gewöhnen konnten, und einer Testphase, bei der neben den bekannten Gesichtern unbekannte Gesichter mit neutralem Gesichtsausdruck gezeigt wurden.

B Signifikante fMRI Signaländerung in der linken und rechten Hirnhälfte im Bereich der Amygdala (Amy) und im occipitotemporal cortex (OTC).

C Signalveränderung in Prozent BOLD Signal in der Amygdala bei der Präsentation von unbekannten (Neu) versus bekannte Gesichter (Bekannt) bei gehemmten und nicht gehemmten Erwachsenen.

Sozialphobisches Verhalten angeboren?

Die Entdeckung der Forscher, dass individuelle Unterschiede im Temperament mit anhaltenden Unterschieden in der Amygdala-Aktivität einhergehen spricht nach heutigem Erkenntnisstand dafür, dass sozialphobisches Verhalten angeboren sein könnte und betroffene Menschen dadurch möglicherweise lebenslänglich belastet sind, sofern nicht durch geeignete therapeutische Massnahmen interveniert wird. "20 Jahre unterschiedlicher Lebenserfahrung haben nichts an der Tatsache geändert, dass die schüchternen Studienteilnehmer eine erhöhte Amygdala-Aktivität aufweisen", sagt Schwartz.

Es bedarf noch weiterer Forschungsbemühungen um die Ursache/Wirkungs-Frage zu klären, denn unklar ist bisher, ob die übermässige Amygdala-Aktivität die Ursache der sozialen Ängste ist, oder ob sie womöglich die Folge der unterschiedlichen Temperamente ist.